Künstlerischer Umgang
Nachwuchskünstler arbeiten auf der Insel Mainau mit Beton
Künstlerischer Umgang mit Kunststein
Vom 7. bis zum 11. Juni 2010 konnten die Besucher der Bodenseeinsel Mainau nicht nur Blumen bestaunen, sondern auch zehn Nachwuchskünstlern bei der Arbeit über die Schulter sehen. Jedem Künstler standen bis zu einem halben Kubikmeter Sandsteinbeton zur Verfügung, den er je nach Belieben bearbeiten konnte. Der Kunstwettbewerb entstand auf Initiative von Beton-Braun, Amstetten und wird von zahlreichen betonnahen Unternehmen, wie zum Beispiel der NOE-Schaltechnik, Süssen gesponsert.
Die Veranstaltung „Artist at Work“ gehört zu den wenigen Wettbewerben in Europa, bei denen Interessierte den Künstlern bei der Arbeit zuschauen können. Aus zahlreichen Bewerbungen wählte eine Fachjury zehn Teilnehmer aus, die zur Insel Mainau reisen durften, um dort ihre Konzepte in die Realität umzusetzen. Hierbei entschieden sich die Juroren sowohl für Studenten aus bundesdeutschen Kunstakademien und Hochschulen als auch für drei Studenten aus der Schweiz.
Optimale Arbeitsbedingungen
Auf der Insel erwarteten die jungen Künstler optimale Arbeitsbedingungen. Jedem Wettbewerbsteilnehmer wurde ein eigenes Podest aus NOE Schalmaterial zugeordnet, auf dem er arbeiten konnte. Alle notwendigen Materialien, von den Pigmenten bis hin zum Gabelstapler, wurden den Nachwuchskünstlern zur Verfügung gestellt. Eine Studentin sagt begeistert: „Es war toll hier anzukommen und für jeden Teilnehmer lag eigenes Werkzeug bereit. Die Veranstaltung ist super organisiert und es lässt sich trotz Wettbewerbsstimmung entspannt arbeiten.“ So war die Atmosphäre während der ganzen Arbeitswoche sehr gut. Was unter anderem auch daran lag, dass die Teilnehmer anfangs von den Betonspezialisten Hilfestellung bekamen, zum Beispiel bei der Umsetzung der Betonrezepturen oder bei der richtigen Verwendung der Trennmittel. Auch später stand immer ein Mitarbeiter zur Verfügung, den die Studenten um Rat fragen konnten. Darüber hinaus halfen sich die jungen Künstler – eigentlich ja Konkurrenten – häufig gegenseitig, zum Beispiel wenn es darum ging, gemeinsam die schweren Betonelemente aus der Schalung zu heben.
Vom Zahnstein bis zum Relief der Nachdenklichkeit
Das Themenspektrum der Arbeiten war sehr groß und reichte von gesellschaftskritischen Werken über einen spielerischen Umgang mit dem Material bis hin zur Verarbeitung eigener Erlebnisse. So berichtete eine Künstlerin, dass sie seit Jahren regelmäßig davon träume, ihre Zähne zu verlieren. Demzufolge spielte sie mit den Worten „Zahn“ und „Stein“ und schuf mehrere überdimensionierte Zähne mit Zahnstein. Ein anderer Student wollte den Begriff „Nachdenklichkeit“ symbolisieren. Zu diesem Zweck fertigte er zunächst zwei Gipsplatten, aus denen er eine männliche und eine weibliche Figur in nachdenklicher Pose als Relief herausarbeitete. Dieses Relief formte er mit Hilfe des Polyurethans NOEplast ab und erhielt so eine Betongießform, durch die das Bild detailgetreu in den Beton übertragen werden konnte. Eine ungewöhnliche Verarbeitungsmethode wählte eine weitere Studentin, die drei Segel herstellte, indem sie den flüssigen Beton in speziell hierfür geschneiderte Stoffsäcke füllte und aushärten ließ. Das Ergebnis war eine ansprechende Oberflächen-textur, die dem harten Betonstein eine beinahe weiche Anmutung verlieh.
Zwei erste Plätze
Sichtlich schwer fiel der Jury die Entscheidung, einen ersten Platz zu benennen. Das Niveau der Arbeiten war so hoch, dass die Juroren sich dazu entschieden, gleich zwei erste Preise zu vergeben. Einen dieser beiden Preise erhielt die 25-jährige Lilith Becker, die an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart studiert und schon länger spielerisch mit Beton arbeitet. Sie sagt: „Mich interessiert der Zusammenhang von Nahrung und Beton. So habe ich schon Speisen wie Bananen mit Beton gemischt und geschaut, was dabei passiert.“ Beim Wettbewerb wählte sie ein gesellschaftskritisches Konzept. Dafür reichte sie fünf Masken ein, die menschliche Gesichter mit Lebensmitteln wie Eiern, Fisch oder Obst im Mund zeigen. Lilith Becker möchte damit den Überfluss unserer Gesellschaft vor Augen führen und zum Nachdenken über den Umgang mit Nahrungsmitteln anregen. Der zweite erste Preis ging an den Schweizer Nachwuchskünstler Ramon Feller, der an der Hochschule der Künste in Bern studiert. Sein Werk symbolisiert mit Hilfe von Bambuspflanzen und Beton die Kraft der Natur und zeigt, dass sich diese letztendlich gegen die Zivilisation durchsetzt. Der zweite Preis ging an Anina Thoman aus St. Gallen, die mit rot eingefärbten Gartenzwergen und einer dazugehörenden Geschichte die Jury überzeugte. Platz drei belegte Johannes Fötsch aus Halle an der Saale, dessen Entwurf „nicht hören, nicht sehen, nicht sprechen“ an das bekannte Bild der Affen erinnert, die sich Ohren, Augen und Mund zuhalten. Den Siegern wurde ein Preisgeld von insgesamt 3500 Euro überreicht. Die Arbeiten sind bis Mitte Oktober 2010 im Mainau-Park zu bestaunen und werden dann zugunsten eines guten Zwecks versteigert.
Der Wettbewerb
Der Wettbewerb „Artist at Work“ findet im Rhythmus von zwei Jahren statt und zeigt auf plastische Weise, dass sich Beton nicht nur als Baustoff, sondern auch als Grundlage künstlerischen Schaffens hervorragend eignet. Schön ist, dass die Öffentlichkeit dabei den Künstlern bei der Arbeit zusehen und so den Werdegang des Objekts verfolgen kann. Da die Nachwuchskünstler meist wenig Erfahrung mit dem Wasser-Stein-Zement-Gemisch haben, gehen sie häufig spielerisch und unverkrampft an das Material heran. Dies hat zum Teil einen experimentellen Charakter und führt zu interessanten Ergebnissen, die belegen, dass der Slogan „Beton – es kommt darauf an, was man daraus macht“ seine Richtigkeit hat.


